UR-EUROPA e.V.


Gemeinnützige Gesellschaft für europäische Urgeschichte















Einführung


Für die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung!


Großskulpturen der Steinzeit


Herman Wirth - sein Leben und Werk



Herman Wirth - sein Leben und Werk


Prof. Dr. Herman Felix Wirth Roeper Bosch (1885-1981) ist der Begründer mehrerer Wissenschaftszweige als Ergebnis seiner regen schöpferischen Forschungstätigkeit. Als Verfasser grundlegender Werke zur Symbolkunde und Urreligionsgeschichte hat er auf eine bis dahin unbekannte Hochkultur der Vorzeit aufmerksam gemacht und erwarb sich damit bereits in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts einen beachtlichen Ruf in Deutschland und Europa. Seine reiche Sammlung an fachübergreifenden Zeugnissen aus aller Welt für seine neuartigen Thesen sind so bedeutend, daß er damit Zeit seines langen Lebens immer wieder die verschiedenartigsten Gegner aus Wissenschaft, Politik und sogar Kirche zu heftigen Disputen und Ablehnung herausforderte. Welche Brisanz in den neuen Erkenntnissen dieses Forschers über eine vorgeschichtliche Hochkultur steckt, zeigt, daß er – nach anfänglichen Erfolgen – mit allen, auch unlauteren Mitteln vor und während der Zeit des „Dritten Reiches“, ja sogar noch nach dem Krieg, bis zu seinem Tod und darüber hinaus verleumdet und regelrecht bekämpft wurde. - Andererseits gibt es neuerdings viele Veröffentlichungen von Forschungsprojekten, die manche seiner Erkenntnisse über eine Hochkultur zur Steinzeit nachträglich durchaus bestätigen.

Inhaltsübersicht:

  1. Kurzer Lebenslauf
  2. Musik und Volkskunde
  3. Symbole und volkskundliche Überlieferungen
  4. Die symbolhistorische Methode
  5. Symbole und Mythen als ihre Exegese
  6. Symbole und Urreligion
  7. Weltweite Forschungen Herman Wirths
  8. H. Wirths Rassenkunde und vorgeschichtliche Völkerwanderungen
  9. Urschrift aus Kalendersymbolik
10. Die Ura-Linda Chronik
11. Was sagt die Wissenschaft heute?


Kurzer Lebenslauf

1885 - 1932 Herman Wirth wurde am 6.5.1885 in Utrecht (Niederlande) geboren als Sohn des aus der deutschen Rheinpfalz stammenden Gymnasiallehrers Ludwig Wirth und seiner holländischen Ehefrau Sophie Gijsberta, geborene Roeper Bosch, die leider schon früh verstarb. Der Vater hatte einige volkskundliche Schriften herausgebracht. 1904 bestand Herman in Utrecht das Abitur und wandte sich dem Studium der niederländischen Philologie, der Germanistik und der Geschichte zu, erst in Utrecht, dann mit weiteren Studien im Fach Musik in Leipzig, um 1908 wieder in Utrecht sein Staatsexamen abzulegen. Obwohl er danach an der Universität Berlin Lektor für niederländische Sprache und Literatur wurde, konnte er nach einem weiteren Jahr am 9.3.1911 mit seiner kulturgeschichtlichen Arbeit „Der Untergang des niederländischen Volksliedes“ an der Universität Basel beim dortigen Volkskundler John Meier zum „Dr.phil.“ promovieren. Neben musikwissenschaftlichen Themen befaßte sich Herman Wirth in den folgenden Jahren auch mit volkskundlichen Studien. Seine ersten Bestandsaufnahmen jener „Uleborden“, Giebelzeichen friesischer Bauernhäuser z.T. mit Jahrtausende alten Sinnbildern, entstanden dort. - Nach Kriegsbeginn 1914 trat er freiwillig in das deutsche Heer ein, wurde in Belgien von der deutschen Zivilverwaltung zur Betreuung der deutschfreundlichen Flamen eingesetzt. 1916 wurde er a.o. Professor am Konservatorium in Gent, fuhr aber nach Berlin, um dort am 8.8. Margarethe Schmitt, Tochter des akadem. Kunstmalers Prof. E. Vital Schmitt, zu heiraten. Am 12.12.1916 wurde Wirth in Berlin der Ehrentitel eines Titularprofessors verliehen. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs gründete er – wieder in den Niederlanden – in Anlehnung an die deutsche Wandervogelbewegung - den „Landsbond Dietsche Trekvogels“. Er fuhr häufig mit Musikinstrumenten und einer „Laterna Magica“ zu Vorträgen mit historisch-musikalischer Umrahmung - bereits mit Auto - über Land. Bei einem Landestreffen der größer werdenden Niederländischen Sozialistischen Arbeiterbewegung übernahm Herman Wirth die musikalische Gestaltung.

Ab 1922 wurde er für einige Zeit Gymnasiallehrer in Sneek / Friesland und schaffte sich in diesen Jahren die Grundlagen für seine symbolhistorischen Arbeiten zur Vorgeschichte und Urreligionsgeschichte, die er alsbald weiter vertiefte. Durch seine öffentlichen Vorträge zu diesen Themen wurde er auch in Deutschland immer mehr bekannt. 1924 zog er mit seiner Familie in sein neues Haus nach Marburg / Lahn. 1928 erschien beim berühmten Verlag Eugen Diederichs in Jena sein erstes großes Werk „Der Aufgang der Menschheit“(siehe Werkverzeichnis). Bereits 1931 folgte der erste Band seines zweiten großen Werkes „Die heilige Urschrift der Menschheit“ beim bekannten Verlag Koehler und Amelang in Leipzig– und bis 1933 elf der insgesamt zwölf Bände. 1935 erschien der letzte Band. Herman Wirth war inzwischen ein berühmter Mann und gefragter Referent, auch bei Freimaurern und bei Nationalsozialisten. 1925 war er NSDAP-Mitglied geworden, aber schon ein Jahr später wieder ausgetreten.

Wegen seiner neuen Erkenntnisse und Erkenntniswege wurde er für manche etablierten Wissenschaftler ein oftmals unliebsamer („umstrittener“) Forscher. Dennoch haben ihn Gönner 1932 nach Rostock in Mecklenburg gerufen zur Schaffung einer „Volkshochschul-Siedlung“ als Bildungsstätte, kurz darauf sogar der Ministerpräsident Granzow nach Bad Doberan zur Gründung und Leitung eines „Instituts für Geistesurgeschichte“. Er plante die Errichtung eines urreligiösen Freilichtmuseums, ein Jahr später schuf er dann eine große Ausstellung „Der Heilbringer“ in Berlin und in Bremen. Dazu kam die erneute Berufung zum a.o. Professor an die Universität Berlin, und alsbald folgte der Umzug nach Michendorf bei Potsdam. Die o.g. Ausstellung erweiterte er alsbald zu einer privaten urgeschichtlichen „Sammlung für Geistesurgeschichte und Volkstumskunde“. Doch fehlten ihm stets die nötigen Mittel zum Lebensunterhalt und für seine Forschungen. Eine beachtliche Spende des jüdischen „Ölmagnaten“ Ludwig Schindler reichte nicht lange. Auch eine 1928 in Berlin gegründete „Herman-Wirth-Gesellschaft“ konnte ihm schon bald nicht mehr finanziell weiterhelfen, so daß er sie wenige Jahre später wieder verließ.

1933 - 1938 Wie viele andere setzte er zu Beginn des „Dritten Reiches“ große Hoffnungen auf finanzielle Unterstützung. Aber nicht nur in der Fachwelt erhob sich immer schärfere Kritik an Herman Wirth nach seiner Veröffentlichung einer Übersetzung und Kommentierung der „Oera-Linda-Chronik“ (1933). Diese war schon im 19.Jahrhundert als „Fälschung“ bezeichnet worden. Ebenso rührten sich unter einflußreichen Nationalsozialisten auch viele Gegner der Thesen Wirths, und er erlebte nun durch diese eine heftige Ablehnung, allen voran durch Alfred Rosenberg und den „Leiter der Berufsvereinigung deutscher Vorgeschichtsforscher“ Bolko Frhr.v.Richthofen. Dieser warf Herman Wirth vor, ehemals Kontakte zu Juden und Freimaurern gehalten zu haben. Dennoch gründete Reichsminister Walter Darré 1935 - auf Vermittlung von Heinrich Himmler - den neuen Verein „Deutsches Ahnenerbe“ u.a. zusammen mit Herman Wirth und dessen privaten Sammlungen. Die Finanzierung durch den „Reichsnährstand“ Darrés ermöglichte dem neuen „Präsidenten“ Prof. Dr. Herman Wirth in den Jahren 1935 und 1936 zwei Expeditionen nach Skandinavien, um seine Theorien mit einer Felsbilderdokumentation über die dortigen Symbole zu beweisen.

Das Ahnenerbe Doch als der inzwischen an Einfluß gewachsene „Vorsitzende des Kuratoriums“ Himmler 1937 den Verein „Deutsches Ahnenerbe“ mit der wichtigen Sammlung von der SS einfach übernehmen ließ, mit einer neuen Satzung in „Das Ahnenerbe“ umbenannte, wurde Herman Wirth zwar „Ehrenpräsident“ aber einflußlos, seine a.o. Professur wurde aberkannt. Da half ihm nicht, daß er wieder Parteimitglied geworden war und man ihn zum SS-Hauptsturmführer gemacht hatte. „Linientreue“ Wissenschaftler, die ganz andere Ziele verfolgten, wurden ihm vor die Nase gesetzt, sogar ein Spitzel Karl Theodor Weigel zur Überwachung seiner Arbeit aus weltanschaulicher Sicht. Darauf schied Wirth schon 1938 (!) aus Gewissensgründen unter Protest aus Partei, SS und dem – heute so genannten - „Ahnenerbe der SS“ aus. (Darré hatte inzw. ebenfalls sein Ministeramt aufgegeben.) Herman Wirth wollte damit nichts mehr zu tun haben, opferte dadurch aber nicht nur seine ganze wertvolle Sammlung von Büchern, Bildern und anderen Zeugnissen der von ihm entdeckten vorgeschichtlichen Hochkultur des nordeuropäisch-atlantischen Raumes.

Er wurde sogar für die sieben Jahre bis Kriegsende bestraft mit Lehr-, Rede- und mit Veröffentlichungsverbot! Für einen Wissenschaftler vom Range eines Herman Wirth bedeutete dies das Ende seines Rufes in der Öffentlichkeit. Man beschuldigte ihn, an die Stelle eines germanischen (Krieger-) Männerbundes ein pazifistisches „Matriarchat“ als Vorbild stellen zu wollen. Wirth hat eigentlich nur darauf hingewiesen, daß die Germanen nach der Bronzezeit bereits deutlich von einem „Bruch“ mit der früheren Hochkultur gezeichnet waren. - Da man nach 1938 nichts mehr von Herman Wirth hörte oder las, hat mancher – so z.B. heute noch die „Antifa“ – irrtümlich angenommen, daß er auch noch weiterhin beim „Ahnenerbe der SS“ tätig wäre. Bis zum Kriegsende lebte er aber mit seiner Familie ganz zurückgezogen in seinem Haus in Marburg a.d. Lahn und widmete sich weiteren Studien, ohne an die Öffentlichkeit treten zu dürfen. Er stand in diesen Jahren quasi unter Hausarrest und durfte nicht einmal in seine holländische Heimat zurückkehren oder die ihm schließlich am 1.11.44 vermittelte Kustodenstelle an der Universität Göttingen wirklich antreten.

1945 - 1973 1945 denunzierte ihn dennoch ein Marburger Mitbürger bei der amerikanischen Besatzung als „Naziverbrecher“. Herman Wirth wurde bis 1947 eingesperrt, das Haus mitsamt seiner wieder neu begonnenen wissenschaftlichen Sammlung und Bibliothek beschlagnahmt. Erst Jahre später – rehabilitiert - erhielt er sie, dazu schwer beschädigt, zurück, um nun – eigentlich schon im Rentenalter - zum dritten Mal in seinem Leben von vorne anzufangen. Anfang 1948 geht Wirth zu seiner Schwester nach Dieren / Niederlande, im Herbst nach Schweden. Erst 1951 findet er eine Anstellung an der Universität Lund. 1954 kehrt er nach Marburg zurück und gründet die „Europäische Sammlung für Urgemeinschaftskunde“. 1957 wird die „Herman-Wirth-Gesellschaft“ unter neuem Namen wieder gegründet. Wirth arbeitet und reist rastlos (u.a. zu einer Expedition nach Bohuslän / Schweden), lebt unter äußerst bescheidenen persönlichen Verhältnissen, stets um den Wiederaufbau einer Ausstellung seiner erneuten Sammlung von Zeugnissen der urgeschichtlichen Hochkultur bemüht, um seine wissenschaftlichen Thesen öffentlich beweisen zu können. Es erscheinen kleinere Arbeiten von ihm, so „Die symbolhistorische Methode“ (1955) sowie „Um den Ursinn des Menschseins“ (1960), „Die Frage der Frauenberge“ (1972) usw.(siehe Werkverzeichnis), während weit umfangreichere Manuskripte noch heute auf Verleger warten: „Die eurasiatischen Prolegomena der indoeuropäischen Urreligion“ oder „Des großen Gottes heilige Runen“ und weitere.

1974 - 1981 Mit Unterstützung von Mitgliedern und Förderern gelingt es 1974 in Fromhausen bei den Externsteinen in einem leerstehenden Bauernhaus noch einmal eine Ausstellung („Ur-Europa-Museum“) zu eröffnen, die aber nach zwei Jahren wegen Fehlens jeder öffentlichen Unterstützung aus finanziellen Gründen wieder zusammengepackt werden muß. Da bietet sich plötzlich und unverhofft durch die Vermittlung und persönliche Unterstützung des SPD-Vorsitzenden und vormaligen Bundeskanzlers Willy Brand im Kreis Kusel / Pfalz eine neue Möglichkeit für eine Ausstellung in der wieder aufzubauenden Burg Lichtenberg. Kurz vor dem Umzug verliert Wirth am 16.6.1978 seine Frau Margarethe, geb. Schmitt, die treue Lebens- und Arbeitsgefährtin, der er einige seiner Schriften widmete. Sie schenkte vier Kindern das Leben (von denen aber nur noch Tochter Ilge – geb. 1929 - in Schweden lebt).

Noch einmal stürzt sich Herman Wirth von Thallichtenberg aus in unermüdliche Arbeit. Er untersucht verschiedene Kulthöhlen der Pfälzer Umgebung (er filmt u.a. Felsritzungen in der „Schlangenhöhle“) und folgt den Entdeckungen des Ing. Ludwig Schmidt aus Kaiserslautern. Er veranstaltet eine „Ostermaien-Ausstellung“ in seinem „Institut“ in Thallichtenberg und hält stundenlange Vorträge u.a. im überfüllten Auditorium-maximum der Universität Augsburg vor begeisterten Studenten. - Doch wieder folgen böse Intrigen und Verleumdungen in der Öffentlichkeit, die schließlich zu seinem Tod am 16.2.1981 führen. Da übernimmt im Auftrag der Tochter Ilge die „Gesellschaft für europäische Urgemeinschaftskunde e.V.“ die Einlagerung von Teilen seiner hinterlassenen Sammlung, des umfangreichen Fotoarchivs und der Bücherei sowie der unveröffentlichten Manuskripte und damit die Verantwortung und Betreuung für diesen Teil des Nachlasses. 

Posthumus 1982 gelingt noch einmal eine bescheidene Ausstellung im Schloß Magenheim / Württemberg. 1985 wird endlich dieser Nachlaß mit den meisten Exponaten in die Obhut des bekannten Volkskundlers Prof. Dr. Ernst Burgstaller aus Linz / Donau nach Spital am Pyhrn überführt in das „Österreichische Felsbildermuseum“, wo nun Wirths skandinavische Felsbilderabgüsse aus Bohuslän / Schweden in zwei großen Sälen ausgestellt werden können. Selbst hier erfolgt aber 1998 auf Grund einer anonymen Anzeige eine – ergebnislose – Hausdurchsuchung und erneut eine öffentliche Diffamierung, die selbst vor dem, inzwischen verstorbenen, Prof. Burgstaller nicht haltmacht. Das Museum sieht sich ängstlich veranlaßt, die Hälfte der wissenschaftlichen Bücherei Wirths bis 2004 unter Verschluß zu nehmen und sich von dem Rest und dem übrigen Nachlaß Herman Wirths (Exponatensammlung usw.) ganz zu trennen...

Quellen:

Eduard Baumann „Herman Wirth -Schriften, Vorträge, Manuskripte und Sekundärliteratur“, Toppenstedt (1995)
Herman Wirth „Um den Ursinn des Menschseins“, Volkstum-Verlag Wien (1960)
Michael Kater „Das Ahnenerbe der SS“, Stuttgart (1974)
Eugen Pletsch „Gespräch mit HW.“ in „Humus“, Löhrbach (1979)
Ingo Wiwjorra „Herman Wirth, Leben und Werk“, Magisterarbeit, Berlin (1988)
Private Aufzeichnungen sowie Mitteilungen der HW-Tochter an den Verfasser.


Sein Werk

Musik und Volkskunde

Der Untergang des niederländ. Volksliedes Herman Wirth befaßte sich bereits während seines Studiums mit kulturhistorischen und . volkskundlichen Fragen. Selbst beim Musikstudium entdeckte er die Bedeutung von ethnischer Eigenart und Tradition. Auch Fragen der sozialen Entwicklung fanden sein Interesse. Seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung (1911) hieß „Der Untergang des niederländischen Volksliedes“. Dazu schrieb er 16 Jahre später: „Diese Arbeit war ein Versuch zur Ergründung jener Ursachen, welche den Untergang meiner heimatlichen, nordniederländischen Volksliedkunst herbeigeführt hatten, deren Schönheit uns noch aus den Meisterwerken der Farben des 17. Jahrhunderts entgegentönt, einer verschollenen Welt wuchtigst-rhythmischer und tiefsinniger Spielmannsweisen... Diese Volksliedkunst war einst das lebendige Wurzelwerk, aus dem jene unvergleichliche Wunderblüte der niederländischen mehrstimmigen Tonkunst, die Gotik der Töne, die ‚absolute Musik‘ erwuchs, welche das ganze Abendland als Offenbarung der Unendlichkeit des Ewigen erfüllte und deren letzter herrlicher Ausklang Johann Sebastian Bach war... Dem jugendlichen Forscher, der mit heißer Liebe für die große Vergangenheit seines kleinen Mutterlandes und Volkes erfüllt war, gelang es wohl, die geschichtlichen Ursachen jener Vernichtung der niederländischen Volkskultur in allen ihren tragischen Folgen aufzudecken... Aber das Wesen selber zu ergründen, blieb dem Verfasser bei dem Stand des damaligen philologisch-geschichtlichen Studiums versagt.“ (1)

In einer Kritik zu dieser Arbeit heißt es : „Das Buch enthält nicht nur literarisches Material, sondern setzt beständig damit in Zusammenhang die großen treibenden kulturellen, religiösen und sozialen Kräfte; neben theoretischer Anregung und Belehrung bietet es auch für die praktische Politik beherzigenswerte Folgerungen und aufschlußreiche Gesichtspunkte.“ (2)

In den Jahren 1915 – 1925 gab Wirth sogar große öffentliche Konzerte zumeist alter und oft vergessener Meister mit Gesang- und Instrumentaldarbietungen, oft auf alten Instrumenten. Dabei hielt er häufig Vorlesungen über Musikgeschichte, Volkslied und Volksüberlieferungen zur Musik sowie über ihre Zerstörer und ihre Bewahrer. (3)

1) HW „Aufgang der Menscheit“, Eugen Diederichs, Jena (1928) S.14
2) Prof. Dr. A. Kopp in „Zeitschrift für deutsche Philologie“ 44 (1912) S.378-383
3) Dr. E. Baumann „Herman Wirth -Schriften, Vorträge, Manuskripte usw.“, Toppenstedt (1995) S.18


Symbole und volkskundliche Überlieferung

Uleborden Nach der Schweiz erlebte Herman Wirth in den folgenden Jahren Norddeutschland, Flandern und Friesland. Durch das unterschiedliche Erscheinungsbild der Menschen und ihrer Wohnstätten verstärkte sich sein Interesse für ihre Eigenart und Tradition. Dabei entdeckte er auch in Museen und der Literatur erstmals die Verbreitung von vergleichbaren Schmuck- und Sinnzeichen / Symbolen und untersuchte Herkunft und Alter: „Die ‚uleborden‘ in der niederländischen Provinz Friesland, dem alten Schwäneland, wurden erstmalig von mir 1923-24 mit der Telekamera gesammelt... Von den damals von mir aufgenommenen ‚uleborden‘ existiert heute schon die Hälfte nicht mehr oder noch weniger... Aber damals habe ich noch aus dem Munde der alten 80- und 90jährigen Dorfzimmermannsleute, der timmermanbaesen, erfahren können, daß jenes ulebord mit den Schwänen, dem  bzw. Zeichen eigentlich nur derjenige auf seinem Haus als Giebelzeichen zu führen berechtigt war, der die eigenierde, die einierde habe...Im ganzen nordeurasischen und auch nord-amerikanischen Raum ist der Schwan der Großen Mutter, der Himmels- und Erdenmutter, als Licht- und Lebensbringer, Seelengeleitvogel, Kinderbringer beigestellt...“ „ Bei sibirischen Stämmen, wie bei Lappen und Nordgermanen, fliegt der Schwan ‚mit der Sonne‘, den Jahressonnenweg, d.i. das Zeichen. Er ist der Lenzesbote, der mit der steigenden Sonne, nach der Wintersonnenwende wieder nach Norden fliegt und nach der Sommersonnenwende mit der sinkenden Sonne wieder südwärts aufs offene Meer fliegt. Er ist daher der holende und bringende Seelengeleitvogel, der in das Weltenkreismeer, in den ‚Mutterbrunnen‘ eingeht und von dort mit dem neuen Leben wiederkehrt. Daher wird er paarweise dargestellt, der eine nach links gewendet, der holende, und der andere nach rechts gewendet, der bringende.

Skandinavische Felszeichnungen Wir können daher in den skandinavischen Felszeichnungen der Bronzezeit die Totengeleitschiffe mit dem Steven oder dem naturalistischen Schwanenhalssteven erscheinen sehen in Verbindung mit dem oder Zeichen. Genau so erscheint der Schwan im Ägäischen Raum mit den Schiffen der ‚Nordvölker‘ der ägyptischen Inschriften, auf den Gefäßen des geometrischen Stiles, mit dem Zeichen, dem 4-, 8-speichigen Jahresrad, dem sogenannten Doppelaxtzeichen und anderen Symbolen der skandinavischen Felsbilder.

Und so sehen wir diesen heiligen, weißen Lichtvogel zuletzt noch im alten Inguaeonen-Gebiet an der Nordsee, in den alten Giebelzeichen des friesischen Bauernhauses, den uleborden: das gebogene Schwanenhalspaar, das links und rechts abgewendet zwischen sich die Sonnenscheibe oder das Rad, das oder das Kind mit erhobenen Ärmchen trägt...“

„Es wahrte also der alte 90jährige friesische timmermansbaes noch eine handwerkliche Überlieferung vom ul(e)bord, d.i. uodal-, uodil-, uodhilbord ‚Odalsbrett‘ als Wahrzeichen der Geschlechtererde, die wir von den Annales Brunswilarenses über die altfriesischen Küren und Landrechte bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts verfolgen können. Dann endet die Tradition, weil seit den 80-er Jahren (des 19.Jhs., d.Verf.) der handwerkliche Nachwuchs nicht mehr in der Dorfwerkstatt, sondern in den neugegründeten städtischen Gewerbeschulen (ambachtscholen) seine Ausbildung erhielt... aber nichts mehr (lernte) von der Überlieferung des alten Handwerksbrauchtums und seinem symbolischen Ornament, von dem man in der Stadt nichts mehr wußte.“ (4)

4) HW „Die symbolhistorische Methode“ in Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, Münster (2/1955) S. 132-134


Die Symbolhistorische Methode

Die neue Forschungsmethode  Bei der Deutung der verschiedensten Symbole - auch auf Felsbildern aus der Steinzeit - durch Herman Wirth, half ihm die volkskundliche Überlieferung, so daß er über seine sammelnde und vergleichende Forschungsarbeit schließlich zu einer eigenen neuen Vorstellung von den Ursprüngen der Geistesurgeschichte, Kultur und Religion gelangte. Um den Unterschied zu den vielen anderen neuen Geschichtsdarstellungen der damaligen Zeit zu verdeutlichen, obwohl er auch vieles von ihnen übernahm, erklärte Herman Wirth selbst: „Da, wo der Weg der Erkenntnismöglichkeit bisheriger Forschungsmethoden endet, setzt nun die neue geistesgeschichtliche Forschungsmethode, die symbolhistorische ein. Sie vermag die schriftgeschichtliche Periode als die gesicherte Grundlage geschichtlicher Erkenntnis entsprechend in ihre Vorstufe, die sinnbild-, symbolgeschichtliche Periode, als urschriftgeschichtliche, zu verlängern. Und zwar bis dahin rückwärts, wo die Symbolik erstmalig als abstrakte, ideographische Linearzeichen in Erscheinung tritt.

Linearzeichen sind Begriffszeichen  Die Symbolik ist ideographisch: ihre Linearzeichen sind Begriffszeichen, erste Urkunden menschlicher Vergeistigung, die zur Erkenntnis der Ursächlichkeit der Dinge gelangt ist, der Idee, die jenseits dieser Erscheinungswelt und in ihr ist. Was vor der ideographischen Stufe liegt, ist die piktographische, als naturalistische Nachbildung der stofflichen und sinnlich wahrnehmbaren Dinge der Erscheinungswelt, der Natur. Der Raum, in dem die Symbolik mit ihren ideographischen Linearzeichen erstmalig in Erscheinung tritt, ist jener subarktische, nordeurasiatische, in dem die Letzteiszeitjäger, die Aurignac-Cromagnonrasse, der homo sapiens diluvialis eurasianus – die Urahnen der europäischen Menschheit verbreitet waren.“ (5)

Wirth hatte ferner „für den subarktischen Symbolkreis den Grundsatz aufgestellt, daß – wenn irgend ein Lebewesen oder ein Ding durch seine Form, seine Erscheinung, seine Eigenschaft gewissermaßen als die Verkörperung eines jener kosmischen Symbole erscheint -, so erhält das betreffende Lebewesen oder Ding eine kultsymbolische Beziehung als mythische Deutung." (6) (d.h. Symbole werden sekundär durch Mythen zu Dingen oder Lebewesen.)

„Aufgang der Menschheit“  Vor dem Erscheinen seines ersten großen, grundlegenden Werkes „Der Aufgang der Menschheit, Untersuchungen zur Geschichte der Religion, der Symbolik und Schrift der altlantisch-nordischen Rasse“, Jena 1928, verkündet der Verleger Eugen Diederichs: „Das Große an den Forschungsergebnissen von Wirth ist, daß – entgegen den bisherigen Anschauungen der Geschichtswissenschaft – der Anfang der Menschheit nicht mehr im Osten, sondern im Norden zu suchen ist. Wirth weist nach, daß die babylonisch-assyrische wie die sumerische (Kultur) bereits auf noch älterem, hochentwickelten Geistesgut nordischen Ursprungs beruhen. Die symbolischen Kultzeichen, von denen Wirth ausging, haben sich als Reste in Friesland und im Norden erhalten, ebenso in den Höhlenzeichnungen Frankreichs und Spaniens, an der Küste Afrikas und bei den Indianern Nordamerikas. Sie alle sind arktischen Ursprungs, was Wirth durch umfassendes Vergleichsmaterial aus allen Kulturen bestätigt und worauf auch die ältesten Reste im Rigveda und Avesta hinweisen. Wirth ist es auch gelungen, den Schlüssel zu dieser Kult-Symbolik zu finden und einige Sinnzeichen aus der Steinzeit zu entziffern. So verdanken wir Wirth, daß das Wissen um die Menschheit um 12 bis 15 000 Jahre zurückerweitert ist.“ (7)

5) Herman Wirth „Um den Ursinn des Menschseins“, Volkstum-Verlag, Wien (1960) S.13 / 14
6) HW. „Die symbolhistorische Methode“ in Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, Münster (2/1955) S. 130
7) Eugen Diederichs, Jena (1928)


Symbole - und Mythen als ihre Exegese

Vedische  Kosmologie  Herman Wirth fand tatsächlich, damals für die Fachwissenschaft schockierend, mit Hilfe seiner symbolhistorischen Methode weltweite Zeugnisse für eine Ur-Geistesgeschichte. Diese erläuterte er an einem Beispiel des ‚kosmischen Eies‘, das schon von Bachofen ausgiebig herangezogen wurde, wie folgt: „Bachofen kannte die vedische Kosmologie Indiens noch nicht, die bis zur Upanischadzeit noch klar den subarktischen Ursprung dieses sekundären, physioplastischen Symbols aus einer älteren ideoplastischen, ideographischen Urform erkennen läßt. In Chändogya-Upanischad III, 19, 1-3 heißt es von diesem Weltenei: ‚Diese Welt war zu Anfang nichtseiend; dieses (Nichtseiende) war das Seiende. Dasselbe entstand. Da entwickelte sich ein Ei. Das lag da so lang wie ein Jahr ist. Darauf spaltete es sich: die beiden Eierschalen waren die eine von Silber, die andere von Gold. Die silberne ist die Erde, die goldene der Himmel dort. – Was dabei geboren wurde, das ist die Sonne‘. (Deussen). Oder – wie es in Rigveda X, 121, 9 und 129, 3 heißt: ‚der Goldene Keim‘ (hiranya-garbha), ‚das Lebenskräftige‘, das in der Schale eingeschlossen war....In der orphischen Mysteriensymbolik ... geht auch aus der Urnacht das Weltenei hervor, aus dem der kosmogenische Eros geboren wird.

Altägyptische Überlieferung  Die beiden Schalen des Eis werden ebenfalls zu Himmel und Erde, Uranos und Gaia. Ganz wie nach altägyptischer Überlieferung Ra (Re) ‚in seinem Ei als seiner Lichtwohnung erstrahlt‘, oder ‚Schöpfer des Eis, das aus dem Chaos hervor ging‘ genannt wird. Das Ei, das da lag wie ein ‚Jahr‘, das sich ‚spaltete‘ und dessen beide Schalen hell und dunkel waren und zu ‚Himmel und Erde‘ wurden, wobei die Sonne geboren wurde, ist ein typisches Beispiel zu meinem Satz, daß ‚die Mythe die Exegese (bildhafte Erklärung. d.Verf.) des Symbols‘ ist. Die Überlieferung von Rigveda bis Upanischad hat jenes ‚Jahr‘-Symbol einer ehemaligen subarktischen Urheimat klar bewahrt. Es ist jenes Diagramm, wie wir es aus den jungsteinzeitlichen und späteren Felsbildern des zirkumpolaren Kulturkreises (Nordeurasien-Nordamerika) kennen: der Gesichtskreis, der in der Senkrechten geteilt ist = Sonne in Winterstillstand (=Süden) – Sonne in Sommerstillstand (= Norden). Das sind die ‚beiden Gänge‘ der Sonne in den beiden Jahreshälften, Jahreszeiten des subarktischen Kreises. (8)

8) HW. „Die Symbolhistorische Methode“ in Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, Münster (2/1955) S. 128-129


Symbole und Urreligion

Teilbarkeit von Zeit und Raum  Das Kreissymbol – z.B. auf den Felszeichnungen im Norden Europas - wurde von Herman Wirth als Sinnzeichen (Linearzeichen) für den Gesichtskreis (Horizont) und für die (ewige) Wiederkehr der Zeit (Sonnenbahn am Tag, im Jahr) und sogar des Lebens entdeckt mit dem Strich (waagerecht oder senkrecht) als Zeichen der Spaltung, d.h. der Teilbarkeit von Zeit und Raum (siehe z.B. den ‚Jahresspalter‘ mit der Axt über einem Kreis mit Strich auf den Felsen in Bohuslän) d.h. aber auch, daß man jetzt anfing, Zeit und Raum zu messen. Später erschienen Kreise auch mit einer kreuzweisen Teilung, aber auch mit sechs ‚Speichen‘. Diese markierten die Sonnenauf- und -untergangspunkte (der nördlichen Hemisphäre!) im Sommer wie im Winter. Und daraus schloß Wirth, daß mit dem frühen Erkennen der Teilbarkeit von Zeit und Raum, auch die allgültige Ordnung in dieser Welt erkannt worden sein müsse. Dies sei der schon steinzeitliche Anfang der Urreligion der Menschheit. (In der Exegese später: ‚das Kreuz‘ = Zeichen der‚göttlichen‘ Ordnung.) 


Weltweite Forschungen Herman Wirths

Sibirien Für seine Untersuchungen verwendete Herman Wirth Beispiele und Veröffentlichungen aus vielen Teilen Europas und der Welt (er beherrschte allein neun Sprachen, sogar im Alter lernte er noch Russisch, um neueste Veröffentlichungen aus Moskau im Original lesen zu können). (9) So fand Wirth „...Einzelheiten, die dem subarktischen, nordeurasiatischen, sibirischen Raum angehören und entsprechend auch in der Aurignac-Siedlung von Malta, Gouvernement Irkutsk, ...gefunden worden sind....

Mähren  So sehen wir in der Siedlung von Mezin, am rechten Ufer der Desna, die gewissermaßen als Bindeglied zwischen den Siedlungen Malta und Predmost (Mähren) dem jüngeren Aurignacien oder dem Solutréen zuzuschreiben ist, das mäanderförmig stilisierte Hakenkreuz, ebenso wie das voll entwickelte Mäanderornament, auf offensichtlich gleichfalls kultischen Vogelfiguren, geschnitzt aus Mammutelfenbein. Die Ausführung zeigt ‚ein fast unbegreiflich hohes technisches Können teilweise schon in der Formgebung, vor allem in der feinen Glättung und in der unglaublich genauen, feinen Ausführung der schwierigen Muster‘ (Franz Hancar). Auch diese kultischen Vögel mit der ornamentalen Symbolik sind Geleitvögel....

Ägäis Es sollten zwei Jahrtausende und mehr vergehen, bis das Hakenkreuz und das mäanderförmige symbolische Ornament wieder im vorderasiatischen, ägäischen Raum erscheinen würden. Und es ist bezeichnend, daß es der mittel- und südeuropäische Raum ist,...der das Symbolerbe der Aurignac-Magdalénien-Kultur, das S- Symbol, bewahrte... Sie bestätigt aber noch ein Weiteres: nämlich – daß die europide Aurignacrasse, die weiße Urrasse, der Urheber dieser Symbolik gewesen ist.“ (10)

Ursprung Daraus ergab sich der einmalige Ursprung dieser Symbole in Nordeuropa. Eine parallele Entwicklung wurde von Wirth ausgeschlossen: „Für die Entstehung dieser ideographischen kosmischen Symbolik müssen wir jedoch einen einmaligen Ursprung annehmen, auf Grund der Tatsache des Formelgutes, der Symbolverbindungen (Unterstreichung: d.Verf.). Diese schließen ... ‚Parallelen‘ aus.

Amerika So haben wir nach den Entlehnungen und Wanderungen zu suchen und zu forschen. Für das subarktische Amerika ist es zweifellos, daß die Aurignacjäger mit der Klingenkultur den Weg über die Beringstraße nach Alaska und Kanada südwärts weiter genommen haben, auch wenn wir heute (1955! d.Verf.) noch nicht in der Lage sind, den räumlichen und zeitlichen Verlauf dieser Einwanderung völlig klarzustellen...

Nordafrika Im ganzen mediterran-nordafrikanischen Raum fehlt während der Eiszeit des Abendlandes und Nordeurasiens die ideographische Symbolik. Das Capsien (Anm. des Verf‘s.: nach Cafsa, Südtunesien, Kulturstufe der Alt- und Mittelsteinzeit) ist symbolleer. Erst nacheiszeitlich dringt das Symbol allmählich, von Norden her, in den afrikanischen Raum ein.“ (11)

9) siehe z.B. HW. „Europäische Urreligion und die Externsteine“,Volkstum-Verlasg Wien (1980) S.41
10 und 11) HW. „Die symbolhistorische Methode“ in Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, Münster (2/1955) S. 134 und 135 sowie S. 136


Herman Wirths Rassenkunde und vorgeschichtliche Völkerwanderungen

„Urnordische Rasse“  Die Ausführungen über Rassen z.B. in ‚Der Aufgang der Menschheit‘ (12) entsprachen etwa dem Stand der jungen wissenschaftlichen Erkenntnisse in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und der ihr damals allgemein beigemessenen Bedeutung. Neu war hier allerdings seine Hypothese von einer nordischen ‚Urrasse‘, die sich im (später vereisten) Polargebiet entwickelt haben müsse, um sich danach mit anderen Rassen zur heutigen ‚nordischen Rasse‘ zu vermischen. Wirth schrieb: „Bei der Annahme der Entstehung der urnordischen Rasse im heutigen Arktisgebiet, wie sie vom Verfasser in dieser Untersuchung vertreten wird, würde sich sowohl das Erscheinen der Langschädeligkeit bei gewissen heutigen circum-arktischen Völkern erklären, welche sonst durchweg kurzschädelig sind, als auch gewisse rassische Verwandschaftsmerkmale mit der altsteinzeitlichen Aurignacrasse, welche...von Südengland...während des Diluviums durch Mitteleuropa (Brünn) sich bis Südrußland erstreckte.

Mixovariationen Demnach könnte die Aurignacrasse als Mixovariation der nordischen Rasse betrachtet werden, ebenso wie die Cro-Magnon-Rasse.“ (13) „Die Herleitung der nordischen Rasse aus der Cro-Magnon-Rasse in nacheiszeitlicher Zeit ist eine Unmöglichkeit. Ganz abgesehen davon, daß wir durch keine Funde irgendwo zu dieser Annahme berechtigt sind, - auch die Zeitspanne ist für diese Entstehung, wie oben bereits betont wurde, viel zu kurz. Es ist biologisch unmöglich, daß sich in diesem naturgeschichtlich winzigen Zeitraum von wenigen tausend Jahren eine neue Rasse entwickeln könnte, wo jeder lebensgesetzliche Anlaß dazu fehlte. Denn die gewaltige Einwirkung der Eiszeit, welche im Laufe der Jahr-zehn- oder –hunderttausende eine Idiovariation durch die klimatische Umwälzung und die sonstige Umweltänderung (andere Ernährung, Lebensführung usw.) hervorrufen konnte, hörte dann gerade auf. Wenn nun die Cro-Magnon-Rasse verwandschaftliche Beziehung zur nordischen Rasse aufweist und in den Völkern nordischer Mischrasse erblich enthalten ist, so kann es sich bei diesem Typus mit dem unnordischen breiten, niedrigen Gesicht und den unnordischen breiten, niedrigen Augenhöhlen, doch nur wieder um eine Mixovariation der nordischen Rasse handeln. Der Cro-Magnon-Typus kann daher nur eine erblich gewordene Mischform darstellen. Ebenso weist aber der Cro-Magnon-Typus Beziehungen zur Aurignacrasse und vielleicht auch sogar zur Neandertalrasse auf.“(14) Wirth beschwor damit den Widerspruch nahezu aller Fachgelehrten herauf, - ebenso wie den der Nationalsozialisten und ihrer ideologischen Vordenker...

Vorgeschichtl. Wanderungen  Wirth erklärte die Verbreitung der Symbole mit den vorgeschichtlichen Völkerwanderungen aus der Urheimat im Norden Europas. So schrieb er über die ‚Wanderungen‘: „...in den Ring (der anders- bzw. dunkelfarbigen Rassen rund um die Erde, d.Verf.)...ist die weiße Rasse in Europa von Norden nach Süden wie ein Keil, dessen Basis in Nordwesteuropa und dessen Spitze in Nordafrika liegt, hineingetrieben..., die Ausbreitung der atlantisch-nordischen Rasse östlich über das europäische Festland, ins Mittelmeergebiet und nach Asien, erfolgt erst in der jüngeren Steinzeit.“ (15) An anderer Stelle erweiterte Wirth diese Wanderung in vorgeschichtlicher Zeit, wobei er zugleich seine im ‚Aufgang der Menschheit‘ dargelegten - damals (in den zwanziger Jahren) allgemein verbreiteten - rassekundlichen Überlegungen korrigiert. „Vor fast einem halben Jahrhundert unternahm ich als Erster den Versuch, die... geistes-urgeschichtliche Erschließung wieder zusammenzufassen...So entstand dieser noch sehr unvollständige, unvollkommene Versuch ‚Der Aufgang der Menschheit‘ (1928), der als erste Auflage - mir unter der Feder weg - gedruckt wurde, ohne Überarbeitungsmöglichkeit....“

Serologische Forschungen  „Neu war es auch, die Ergebnisse der damals noch in den Anfängen sich befindlichen serologischen Forschung für die Frage Rasse und Geisteskultur heranzuziehen, was ich hier (damals, d. Verf.) ebenfalls als Erster unternommen habe... Wenn wir jetzt an Hand der Karte von RAYMOND A. DART diese neuzeitlichen Ergebnisse der Blutgruppenforschung (Unterstreichung vom Verf.)... betrachten, so sehen wir, wie aus jenem atlantischen und Nord- und Ostseeraum Europas ein Blutgruppenstrom mit hohem Prozentsatz A – das high A in Darts Karte – vom Westen nach Osten verläuft. Die Blutgruppe A ist die Hauptblutgruppe der nordisch-europiden Rasse. Diese West-Ost-Drift des hoch A-Blutgruppenstromes läßt sich durch Sibirien nach dem fernen Osten verfolgen, über die Beringstraße dann weiter durch Arktisch-Nordamerika bis Grönland. In Nordchina verebbt diese aurignacoide Welle dann in der jüngeren Steinzeit.“ (16) So fand Wirth auch die Ausbreitung der Symbole bestätigt mit ihrer im Norden geprägten Bedeutung und damit ihrer Hochkultur, die von den Menschen, trotz der Zunahme von Entfernung und Zeitabstand vom Ursprung, noch erstaunlich lange bewahrt wurden. „Anthropologisch läßt sich an Hand der Grabungsfunde (Schädel, Skelette) dieser West-Ost-Strom als cromagnid bestimmen“ berichtete Wirth.

Sowjetruss. Ausgrabungen  „Die sowjetrussischen Ausgrabungen im westsibirischen Raum haben ergeben, daß das anthropologische Fundmaterial von Altai und Minussinsk – die sogenannte Afanas’evo-Kultur (um 2000 v.Ztr.) noch ausgesprochen europid ist und zwar eng verwandt mit dem jungpaläolithischen Cromagnontyp von Westeuropa, ohne mongoloide Beimischung...Erst im 7. bis 9. Jahrhundert n.Ztr. wird der mongoloide Typ in den Steppen von Westsibirien vorherrschend....Was nun Sibirien für uns von so großer Bedeutung macht als Quelle für die Erschließung der geistigen Urkultur der europiden Rasse und ihrer Ausdehnung durch den nordeurasiatischen Raum – das ist die Einmaligkeit einer Dauerüberlieferung, einer Kontinuität, die von der letzten Eiszeit, dem Aurignacium bis zum 19. Jahrhundert über mehr als 20 000 Jahre hinweg reicht.“ (17) Die Ausgrabungen von Gagarino und Kostjenki I brachten kleine Elfenbeingebilde der Göttlichen Mutter, wie sie nach einer Dauerüberlieferung von mehr als 15 000 Jahren wieder in den Häusern der jungsteinzeitlichen Tripolje-Kultur gefunden wurden. Die kleinen Elfenbeinkultbildchen der Göttlichen Mutter tragen das Symbol des ‚bestellten Feldes‘, des kreuzweis geteilten Hackbaubeetes in Verbindung mit dem überlieferten Zeichen der friesischen Bauernhäuser. (18 )

Zweite europide Wanderung  Zu einem Urstrom der europiden Volksstammwanderung gesellte sich ein zweiter, jungsteinzeitlicher Strom, der bis nach Nordchina vordrang. Hier flossen beide „zu dem hohen Lied des S – Symbols zusammen, das Yang-Shao heißt.“ (z.B. Doppelspirale auf Grabkeramik = 2500 – 1250 v.d.Ztr.) (19) Wirth fand auch in Susa und in der sumerischen Kultur Symbolverbindungen, die auf ihre Herkunft aus Nordeuropa weisen. Als Beispiel: das ‚Herz-Haupt‘ mit dem = ‚Mutterzeichen‘ - wie in der kleinen Höhle der Externsteine so auch in Susa und Sumer (Kis oder Uruk-Warka). (20 )

Bei den Überlieferungen in Indien wie in den bei Wirth folgenden Darlegungen spielten die Übergänge von der Symbolik über die Exegese durch Mythen hin zu religiösen Vorstellungen eine bedeutende Rolle. Dabei entdeckte er eine Spur zu den heutigen vier Weltreligionen.


12) Herman Wirth „Aufgang der Menschheit“, Eugen Diederichs, Jena (1928) S.27 ff
13) Wie vor S. 30
14) Wie vor S. 33
15)
Wie vor S. 87
16)
Herman Wirth „Europäische Urreligion und die Externsteine“, Volkstum-Verlag Wien (1980) S. 44
17)
Wie vor S. 45
18)
Wie vor S. 46
19)
Wie vor S. 50
20)
Siehe wie vor S. 52


Urschrift aus Kalendersymbolik

Herman Wirth fand in seinen Forschungen nach den Uranfängen von Sprache und Schrift überraschende Ergebnisse. Schon im Vorwort zum ersten Band seiner „Heiligen Urschrift der Menschheit“ (Leipzig 1931) schrieb Herman Wirth: „...die Geschichtslehre der Schriftsysteme war bislang die formale Wissenschaft von einem nutzzwecklichen Werkzeug, einem Mechanismus zur Übermittlung menschlicher Gedanken... Es fehlte dieser Schriftgeschichte aber jede tiefere entwicklungsgeschichtliche Erkenntnis und Begründung in Hinblick auf die zeitlich und räumlich ungleich größere Vorstufe der geschichtlichen Schriftsysteme.

Ursymbolgeschichte Der hier nun erstmalig unternommene Versuch einer systematischen und methodischen Erschließung dieser urgeschichtlichen Vorstufe bringt als Ergebnis, daß diese Urschriftgeschichte eine Ursymbolgeschichte ist, eine Lehre und Kunde geistig-sinnbildlicher Zeichen und vergeistigter Sinnbilder... einer Urgeistesgeschichte der Menschheit... Denn es zeigt sich weiter, daß diese Ursinnbilder, diese Urzeichen, als kalendarische Symbolik die Beurkundung einer Weltanschauung, einer Weltallkunde, einer Kosmologie als älteste Geisteswissenschaft darstellen..., die ‚heilige Schrift‘ einer Urreligion.“ (21)

Es folgten in 12 Bänden (einschließlich ‚Bilderatlas‘) unzählbare Beispiele aus vielen Teilen der Erde – vor allem auch aus Nordamerika – als Beweise für die Kalender- oder Jahreszeiten-Zeichen = weltweit vergleichbare Symbole, als Vorstufen zu den verschiedenen ersten Schriften der Menschheit. Diese Ursymbole waren aber nicht nur Ausdruck damaliger naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern auch des – geistigen – Vermögens, diese Erkenntnisse sprachlich und sogar (symbol-) schriftlich Anderen zu vermitteln. Eine ungeheure kulturelle Leistung der arktisch-atlantischen Menschheit - zur (voreiszeitlichen) Altsteinzeit!

Das Wort ward Schrift  Der ‚Spracharchäologe‘ Gert Meier faßt in seinem Buch ‚Und das Wort ward Schrift‘ (Bern 1991) die Ergebnisse Wirths zusammen: „Seine Erkenntnisse lassen den Schluß zu, daß... auch eine Archäologie der Sinnzeichen möglich ist, mit deren Hilfe sich Herkunft und Entwicklung von menschlichen Vorstellungen entschlüsseln und zumindest erhellen lassen. Die Geschichte der Ideogramme... beginnt mit den altsteinzeitlichen Petroglyphen. (Felsritzungen, d. Verf.) Ihr frühestes Erscheinen, ihre Verbreitung und Vertiefung, ihre Wechselformen und ihre Veränderungen sind ein getreues Abbild der Entwicklung und Wandlung der menschlichen Vorstellung... Diese erkannt und beschrieben zu haben ist das verbleibende Verdienst von Herman Wirth.“ (22) Auch Gert Meier betont die enge Verbindung zwischen diesen Symbolen und den Ursprüngen einer Religion der frühen arktisch-atlantischen Menschheit, die sich anschließend über weite Teile der Erde verbreitet hat, verändert wurde, und deren Vorstellungen in den heutigen Weltreligionen noch zum Teil nachweisbar sind.

21) HW „Die heilige Urschrift der Menschheit“ (HU) Koehler und Amelang, Leipzig, (1931) S.1
22) Gert Meier „Und das Wort ward Schrift“ Paul Haupt, Bern (1991), Schlußkapitel


Die „Ura-Linda-Chronik“

Aus dem 19. Jahrhundert ?  Keine Veröffentlichung Herman Wirths erntete so viel Protest wie seine Teilübersetzung und Kommentierung dieser Entdeckung aus dem 19.Jahrhundert, die schon damals sehr bald als Fälschung bezeichnet worden war. Herman Wirth schrieb: „Diese Chronik hatten wir Utrechter Studenten von unserem Professor J.W.Muller in einem Kolleg 1904 als eine amüsante Fälschung kurz erwähnen hören und autoritäts-pflichtmäßig mit belächelt. Die Runenschrift sollte aus einem Rad entstanden und mit der Sonne herumgeschrieben worden sein. Und dieses Rad wäre das älteste Sinnbild eines monotheistischen Gottesbegriffes gewesen usw. Nun hatte ich 1923 / 24 schon auf Grund früh- und vorgeschichtlicher Denkmäler, die in diesem Zusammenhang nicht erkannt bzw. unbeachtet geblieben waren, die Überzeugung gewonnen, daß die germanische Runenschrift ursprünglich eine kalendarische Kultsymbolik gewesen sein müßte, eine Jahressymbolreihe eines achtfach geteilten Kalender-‚Rades‘, einer Kalenderscheibe. So horchte ich hell auf, als mir auch damit Mullers Kolleggeschichte wieder in Erinnerung zurückgerufen wurde. Denn die Chronik erzählte mir da, was ich mein ureigenstes Arbeitsergebnis wähnte.“ (23 )

Auf dem Einbandumschlag der von Herman Wirth 1933 herausgegebenen Übersetzung einer Auswahl des Textes mit einer ausführlichen Kommentierung steht: „Die Ura-Linda-Chronik, das älteste Zeugnis germanischer Geschichte, wurde vor 60 Jahren (Anm: 1872, d.Verf.) in Holland aufgefunden. Die zunächst bezweifelte Echtheit wird nun von Herman Wirth überzeugend nachgewiesen. Das Werk berichtet von Kriegszügen und Entdeckungsfahrten, von Not- und Glückszeiten unserer Vorfahren zurück bis 2193 v.Chr., von heiligen Gesetzen unserer Ahnen, staatlichen Einrichtungen, Sitten und Gebräuchen. Die Ura-Linda-Chronik vermittelt damit ein eindrucksvolles Bild stolzer Kulturhöhe unserer Vorfahren....“ Tatsächlich sprechen viele Indizien gegen die Echtheit dieser Chronik. So muß sie zumindest abgeschrieben oder aus einzelnen älteren Überlieferungen zusammengeschrieben worden sein. Auch der Inhalt muß dabei verschiedenen Wandlungen bzw. Anpassungen unterworfen worden sein. Aber aufgrund seiner schon vorher veröffentlichten Forschungsergebnisse schrieb HW. jetzt in der ‚Einführung‘ den Satz: „Hiermit trete ich für die Quellenechtheit einer sogenannten Fälschung ein und beantrage vor der gegenwärtigen Öffentlichkeit die Erneuerung des Verfahrens in Sachen der ‚Ura-Linda‘-Handschrift.“ (24)

Quellenechtheit  Bezug nehmend auf die jeweiligen Textstellen erläutert er seine vielen Beweise anhand der bis dahin unbeachteten und in ihrer Bedeutung von ihm jetzt erforschten Symbole und davon abgeleiteten Mythen: „Das ‚Buch der Adele-Folger‘ bringt als Eingang drei 6-speichige Räder mit der Umschrift: ‚Wralda‘ ‚t-Anfang‘ (der Anfang), ‚t-bijin‘ (der Beginn)... mit der Erläuterung, daß sie ‚die Zeichen des Juls‘ seien, (Wirth verweist an anderer Stelle auf die Bedeutung von Jul = Rad, altnordisch hjól, englisch ‚wheel‘, d.Verf.) ‚das ist das älteste Sinnbild Wraldas, auch von dem Anfang oder dem Beginn, woraus die Zeit kam: dieser ist der Kroder, der ewig mit dem Jul muß umlaufen“ (25) „Von größter Wichtigkeit ist der überlieferte Name Gottes, Wralda, dessen ‚ältestes Sinnbild‘ das  ‚Jul‘ wäre. Die hier ungekürzte Form, welche sonst altfriesisch ‚wrald‘ und ‚warld‘... althochdeutsch ‚weralt‘... lautet, neuniederländisch ‚wereld‘... hat in diesen germanischen Sprachen die Bedeutung von ‚Zeitalter‘ (lat. saeculum), ‚Welt‘, ‚Schöpfung‘, ‚Erde‘ (als Wohnsitz der Menschen)...“ (26) „Und allein (schon) diese Tatsache, daß die Ura-Linda-Handschrift den Namen Wralda uns als den Gottesnamen überliefert und als sein ältestes Sinnbild das 6-speichige Rad, das Welten- und Jahresbild, aus dem die Schrift mit der Sonne herum entstanden ist, - diese Tatsache allein genügt, um die Quellenechtheit der Ura-Linda-Handschrift zu beweisen.“ (27) Gerade die Kombination mit vielen weiteren Symbolen und daraus gebildeten Mythen sind für Wirth eindeutige Beweise für einen echten ‚Kern‘ dieser überlieferten Handschrift. Darüber hinaus ist bekannt, daß es in vielen Bauernhöfen – auch z.B. Flanderns - solche alten Handschriften der jeweiligen frühesten Geschichte des Hofes gab. Sie wurden z.T. nach dem ersten Weltkrieg als sogenannte ‚Teufelsbücher‘ von den Kirchen eingezogen.

Geschichtlicher Hintergrund  Schließlich verweist Wirth noch auf die Unmöglichkeit eines Vorgriffs der Handschrift auf erst später entdeckte Spuren nordischer Seefahrer und Siedler in Indien. Dazu gehört der Silberkessel von Gundestrup, Jütland : „(Dieser)...stellt also ebenfalls die Verbindung mit dem fernen Südosten, mit Hellas und Indien, dar. Und in diesem Zusammenhang gewinnen die Sagen von der Rückkehr Frisos (aus Indien, d. Verf.), welche außer in der Ura-Linda-Chronik auch in jener Chronik von Worp van Tabor wie Occo Scarlensis u.a. erscheinen, doch einen anderen geschichtlichen Hintergrund. Diese indischen und ionischen ‚Nachfahren‘ einstiger nordischer Volkspflanzungen haben diese Motive mitgebracht, wie noch bis heute in der indischen Kultsymbolik das Motiv des Schwanengeleitbootes mit dem ‚Jul‘ Wraldas, dem und (cakra) volkläufig geblieben ist. Und nur so erklärt es sich, daß der Gundestrup-Kessel in dieser Gestalt im Nordseegebiet entstehen konnte. Für das Problem der überseeischen Volkspflanzungen nordischer Seefahrer in Vorderindien hat die Ausgrabung von Mohenjo-Daro, am Unterlauf des Indus, im Sindh, nunmehr wichtigste Anhaltspunkte gegeben.“ (28) (Anm.:diese Ausgrabungen waren 1872 noch nicht begonnen, geschweige denn bekannt! d.Verf.)

Wirth weiter : (die Symbolik) „...führt über das friesische Landrecht vom Anfange des 13.Jahrhunderts und die Annales Brunswilarenses mit der ‚nicht exixtierenden‘ odil-Rune (Ende 10.Jahrhundert) zurück in die Zeit der Odil-‚Mütter‘ am Niederrhein (1.Jahrhundert), von denen uns die Ura-Linda-Chronik die frühgeschichtliche Kunde übermittelt, die auch im Volksmunde noch in Verbindung mit den ‚Frauenbergen‘ usw. bis zum 19.Jahrhundert bewahrt blieb. Von alledem weiß weder die Volkskunde, noch die Germanistik, noch die Vorgeschichtswissenschaft irgend etwas.“ (29) Wenn HW schon in der Ura-Linda-Chronik entdeckt hatte, daß hier Wralda mit ‚het god‘ (das Gott) – also weder männlich noch weiblich – bezeichnet wurde, so schrieb er später mit Vorliebe von der (kultischen) Mutter – ‚Allmutter‘ – als Schöpferin des Lichts, des neuen Jahres usw. und fand in der großen Höhle der Externsteine auch das Ur-Sinnbild in dem ‚Herzhaupt‘ mit dem Mutterzeichen .

Frauenberge  Die Lichttürme in der Chronik waren Frauentürme; entsprechend verwies er auf die späteren ‚Frauenberge‘, die auch einst mit Lichttürmen bebaut waren. (30)  Zu allen Bemühungen der Wissenschaftler damaliger Zeit, sich zu rechtfertigen und die Handschrift weiter als Fälschung zu beweisen, veröffentlichte A. Hübner als politische Aktion gegen Wirth eine Broschüre (Berlin 1934), in der es schließlich heißt : „Die Ura Linda- Chronik ist nicht nur demokratisch, führerfeindlich, pazifistisch in ihrer Grundeinstellung, sie ist im ganzen ein Machwerk ohne Saft und Kraft...“ Hübner wirft Wirth vor, er habe ‚Mangel an Verantwortungsgefühl‘ und ‚an weltanschaulichem Instinkt‘. (31) Wirth verlor daraufhin die venia legendi „...wegen liberalistisch-individualistischer Wissenschaftsauffassung, die zu überwinden Aufgabe der jungen nationalsozialistischen Wissenschaft ist."

Wirth politisch „nicht korrekt“  Zu manchen Irrtümern, die HW. in seiner ‚Pionierarbeit‘ unterlaufen mußten, wie er später auch zugab, kam hinzu, daß er politisch „nicht korrekt“ war. Er schrieb dazu bereits im März 1937: „Das ‚Dritte Reich‘ ist nicht ‚der Gang zu den Müttern‘. Darum wird es nicht von Dauer sein.

Marburg / Lahn, März 1937, als wir Berlin verließen und nach unserer ‚Eresburg‘ zurückkehrten (sein Wohnhaus,d.Verf.), um wieder Gottes Freie zu werden.“ (32)

23) HW. „Um den Ursinn des Menschseins“,(Ursinn) Volkstum-Verlag Wien (1980) S. 19 / 20
24) HW. „Die Ura-Linda-Chronik“, Koehler & Amelang, Leipzig (1933) S. 131
25)
Wie vor S. 143
26)
Wie vor S. 145
27)
Wie vor S. 147
28)
Wie vor S. 279
29)
HW. in „Ursinn“ S. 47
30)
HW. „Die Frage der Frauenberge“ (1972) und „Allmutter“, (1974) , beide Eccestan-Verlag, Marburg
31)
HW. in „Ursinn“ S. 48
32) HW. handschr. in holländ. Sprache, von Tochter Ilge dem Verf. in Kopie übergeben. Übersetzung d.Verf.


Was sagt die Wissenschaft heute?

Herman Wirth konnte beim Wiederaufbau seiner „Europäischen Sammlung für Urreligionsgeschichte“ in Marburg (1954) Prof. Dr. Friedrich Heiler, Direktor der Religionsgeschichtlichen Sammlung der Universität Marburg, für den Vorstand gewinnen. 1962 wurde der Verein in „Europäische Sammlung für Urgemeinschaftskunde“ umbenannt. Zwei weitere Ordinarii der Philipps-Universität Marburg, Prof. Heinrich Herrfahrdt und Karl Alfred Hall gehörten diesem als Vorstände bis zu ihrem Tode an, danach keine mehr. Jedoch einige Jahre nach dem Tode von HW. wurde 1986 mit der Bildung eines wissenschaftlichen Kuratoriums für die „Gesellschaft für europäische Urgemeinschaftskunde“ Prof. Dr. Ernst Burgstaller, Linz, zum Vorsitzenden dieses Kuratoriums gewählt. Nach dessen Tod (2000) übernahm Prof. Dr. Wolfram Zarnack, Göttingen, den Kuratoriumsvorsitz der inzwischen in „Ur-Europa“ umbenannten Gesellschaft. Viele weitere Wissenschaftler, auch Privatgelehrte und Laienforscher setzten die von Herman Wirth begonnene Arbeit fort oder kamen zu neuen Entdeckungen, die Wirths Erkenntnisse bestätigten. Um nur einige zu nennen: den Spracharchäologen‘ Dr.Gert Meier, Köln, haben wir schon zitiert. Hermann Zschweigert, Hollingstedt, hat an vielen Beispielen nachgewiesen, daß zur Hochkultur der Vorzeit Nord-und Westeuropas umfassende Kenntnisse in der Vermessungskunde gehörten.

Hochkultur zur Steinzeit  Das offenbarten sowohl das vom Erdumfang abgeleitete ‚Stadion’ als auch die hohen astronomischen Kenntnisse – nicht nur in Stonehenge. Diese wurden auch von Dr. Helmut Becker vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege z.B. bei der Nachvermessung nacheiszeitlicher niederbayerischer Wallanlagen bestätigt. Von frühen weltweiten Seefahrten nordischer Völker berichteten sowohl Prof. Karl Bartholomäus als auch Dr. Michael Rappenglück, Prof. Dr. Jaques de Mahieu, Argentinien, Prof. Barry Fell, England. Joachim Rittstieg, Borgstedt, spricht von ‚Wikingern‘ in Amerika. Colin Wilson (WDR) und Yasmina Bauernfeind (BR) haben mit eindrucksvollen Fernsehdokumentationen die Volkspflanzungen (O-Ton Wirth) in aller Welt und ihre kulturellen Hinterlassenschaften aufgespürt. Kurt Schildmann, Bonn, weist inzwischen die sprachliche Verwandtschaft der Indusfahrer mit den Hinterlassenschaften in Westeuropa nach (von der schon die Ura-Linda-Chronik berichtet hatte!). Prof. Dr. Wolfram Zarnack, Göttingen, taucht mit seinen neuen ‚klangassoziativen‘ Sprachforschungen tief in die vorgeschichtlichen Völkerwanderungen ein und stößt dabei ebenfalls auf urreligiöse Spuren und Mythen in den heutigen Weltreligionen. Prof. Dr. Dieter Braasch, Marburg, weist die Wanderungen von megalithischen Kulturträgern aus dem Norden und Westen Europas über das Mittelmeer bis in den Orient nach anhand der bereits vorliegenden Veröffentlichungen von verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen.

So wird dieser Weg der von HW. entschlüsselten Symbolik und der von ihm begründeten Ursymbolgeschichtswissenschaft – ebenso wie der der Blutgruppenwanderung nach R. Dart – von vielen Disziplinen der heutigen Wissenschaft nachvollzogen, auch wenn für Herman Wirth eine nachträgliche offizielle Anerkennung bisher ausblieb. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die vor- und nacheiszeitliche Hochkultur im arktisch-atlantischem Raum und ihre Ausstrahlung über weite Teile der Welt sind heute jedoch gesicherter Ausgangspunkt für weitere Forschungen in Gegenwart und Zukunft.

P. Alexander








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