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Bericht über das Seminar
Das Für und Wider der Oera Linda Handschriften
in Sondershausen 2005
Sunnihilt Wellmer, März 2005
Das diesjährige Arbeitsseminar unserer Gesellschaft fand vom 25. bis 28. Februar in Sondershausen statt. 17 Damen und Herren hatten sich angemeldet, die sich in 3-tägiger Arbeit gründlich und kritisch mit dem gestellten Thema befassen wollten.
Ein genaues Lesen der gesamten Schriften war vorausgesetzt worden. Es ging in diesem Seminar also nicht darum, die ungewohnten Mitteilungen der Handschriften erst kennenzulernen. Um ein genaueres Kennenlernen des Inhaltes war es schon einmal bei einem früheren Seminar im Jahre 1998 in Marburg gegangen.
Bei dieser Veranstaltung kam es darauf an, einen größeren Blickwinkel zu gewinnen. Die beiden verschiedenen Arten von Texten, die uns in den Oera-Linda-Handschriften (OLH) begegnen, und zwar die Burgentexte einerseits und die Berichte der Folger Adelas andererseits, sollten in ihrer Unterschiedlichkeit herausgearbeitet werden, außerdem sollten die Geschichte der Schriften selbst sowie die Kritik an ihnen zur Sprache kommen.
Jeder, der sich gründlich mit den Handschriften befaßt, erlebt in sich selbst das Für und das Wider. Das Studium ist ein Wechselbad der Gefühle: Stellen in den Schriften mit genauen Beschreibungen von Einzelheiten und Situationen, auch von alten Maßen, wechseln ab mit anderen Stellen, die unglaubwürdig, romantisierend oder auch naiv belehrend auf den Leser einwirken.
So ist es nicht verwunderlich, daß die Handschriften bis heute Befürworter finden, die es für ausgeschlossen halten, daß die vielen Schilderungen und Angaben von Einzelheiten alle sozusagen frei erfunden worden seien. Ebenso findet sich eine starke Ablehnung, ja Verfemung der Schriften, als „hinge von der Echtheit oder der Unechtheit das Wohl und Wehe von Land und Volk ab...", wie der Niederländer Dr. Ottema es 1876 im Vorwort zu seiner 2. Auflage des „Oera Linda Boek" formulierte.
Von meiner eigenen Erstbegegnung mit den Handschriften erinnerte ich mich noch sehr gut an die Verwirrung, die die Lektüre bei mir durch ihr zeitliches Durcheinander der einzelnen Teile ausgelöst hatte. Einzelne Handlungsstränge stellen sich zerrissen und verwirrt dar. Neuere Berichte stehen vor und zwischen uralten Burgentexten.
Deshalb hatte ich als Leiterin der Seminar-Arbeit zunächst einmal eine zeitliche Einordnung aller Berichte und Texte vorgenommen und diese zeitlich geordnete Aufstellung allen Seminar- Teilnehmern als Wegweisung schon einige Wochen vorher zur Verfügung gestellt. Wie sich später herausstellen sollte, war diese zeitliche Einordnung eine Hilfe für den Zugang zu den Texten.
Die eigentliche Seminar-Arbeit bestand in Vorträgen der einzelnen Teilnehmer zu den Handschriften selbst sowie in Referaten über Bücher und Aufsätze, die sich mit den Schriften befassen, also gewissermaßen mit der Primärquelle und mit Sekundärquellen.
Weil den meisten Seminar-Teilnehmern die niederländische Sprache nicht geläufig genug ist, um die Übersetzung von Ottema aus dem „Altfriesischen" ins Niederländische aus dem Jahre 1876 zu studieren, wurde also als Primär-Quelle die vollständige deutsche Übersetzung der Texte von Emil Sturm aus dem Jahre 1959 verwendet. Außerdem wurde auch die Teilübersetzung ins Deutsche herangezogen, die Prof. Herman Wirth 1934 herausgegeben hatte.
Die erste Referentin verglich den Schöpfungsbericht in den OLH mit den Schöpfungsmythen in der Edda und in der Bibel. Sie arbeitete besonders klar heraus, daß in den Texten von einem immerwährenden Geist die Rede ist, der alle Erscheinungen und Dinge der Welt, und also auch die Menschen, gleich in drei verschiedenen Arten, durch seinen Atem hervorgebracht habe.
Dieser göttliche Schöpfergeist wurde weder männlich noch weiblich gesehen, ganz im Gegensatz zur biblischen Schöpfungsgeschichte, in der ein männlicher Gott alle Dinge aus Erde herstellte.
Der nächste Vortrag stellte die Unterschiede der drei verschiedenen Menschenarten dar: Lyda als Stammutter der schwarzen Menschen, Finda als Stammutter der asiatischen Menschen und Frya als Stammutter der weißen Menschheit.
Diese drei Urmütter werden in den OLH auch als drei völlig verschiedene Temperamente und Begabungen, sowie Bewohnerinnen von verschiedenen Räumen der Erde dargestellt.
So unterschiedlich die drei Urmütter geschildert werden, so unterschiedlich werden auch die nach ihnen benannten Völker oder Volksgruppen dargestellt.
Der nächste Beitrag führte die Seminar-Teilnehmer in die Gesetze und das Rechtswesen sowie in das sittliche Empfinden der Fryas ein. Sehr gründlich war die innere Struktur des Staates herausgearbeitet worden: die auf religiöser Überlieferung beruhende Verfassung mit einer Volksmutter auf der Fryasburg zu Texel und je einer Burgmutter in jedem Gau, die aber von allen Einwohnern auf Lebenszeit gewählt werden mußten. Ihnen zur Seite stand die Exekutive, also die Grevetsmänner (Grafen) und im Kriegsfalle die Könige. Auch sie wurden durch das Volk gewählt.
Viele Vorsichtsmaßnahmen waren von Gesetzes wegen getroffen, damit niemand die alleinige Macht an sich reißen konnte, und damit keinesfalls jemand sein Amt erblich an seine Nachkommen übertragen konnte.
Man kann die Verfassung dieses Staates nicht als ein Matriarchat bezeichnen, sondern es handelt sich hier um ein Modell, für welches es keinen Vergleich in der bekannten Geschichte gibt: in einer echten Demokratie wirkten eigens für leitende Aufgaben erzogene unverheiratete Frauen, die durch eigene Familien nicht belastet waren, zusammen mit den hervorragendsten Männern zum Wohle des Landes und für dessen Zukunft.
In weiteren Beiträgen wurden die Überlieferungen der Mittelmeer-Fahrer und der Indien-Fahrer in den OLH dargestellt. Es wurde berichtet, wie nach einem Bürgerkrieg um 1630 v.d. Ztr. eine Flotte das Fryas-Land verläßt und nach Süden fährt. Diese Auswanderer sollen sowohl die ionischen Inseln (unter Jons Leitung) besiedelt als auch unter Leitung der Burgmutter Hellenia (Minerva) den neuen Hafen und die Burg von Athen begründet haben. Jedoch wurden die Fryas-Abkömmlinge in Athen angegriffen und konnten dort nicht bleiben. Deshalb sahen sie sich gezwungen wieder weiter zu fahren und gelangten endlich durch eine natürliche Wasserstraße, die damals noch vom Mittelmeer ins Rote Meer geführt haben soll, nach Nordwest-Indien an den Pangab.
Auch die abenteuerliche Geschichte dieser indischen Kolonie bis zur Zeit von Alexander dem Großen, die Mitwirkung der Fryas bei Alexanders Zug durch Indien und schließlich die Heimkehr der Indien-Fahrer ins Fryas-Land nach etwa 1230 Jahren Abwesenheit vom Mutterlande kamen zur Sprache.
Ein Seminar-Teilnehmer hatte sich ausführlich mit den Bauwerken und den Schiffsbauten befaßt, die an verschiedenen Stellen der OLH beschrieben werden. Er stellte als größte Bauwerke die Burgen mit ihren Türmen in ihren Ausmaßen dar. Die meisten Burgen dienten sozusagen als Mittelpunkt eines Gaues, als Sitz der Burgmutter und als Schule für die Burgmaiden. Es wird recht genau beschrieben, was alles in den großen Gebäuden untergebracht werden mußte. Es gab auch Burgen, die sozusagen als Vorratslager dienten, und auch eine Burg, in der man fremdländische Menschen unterbrachte, die als Ruderer gedient hatten und die nicht sofort wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten. Auch die Hafenanlagen mit Kränen und Lagerhäusern kamen zur Sprache sowie Schiffsbauten aus Eichenholz, die auch mit Kränen ausgestattet sein konnten. Wichtige Bauwerke waren auch die Häfen. Seit dem Anstieg des Meeresspiegels mußten die Fryas auch Ringwälle (Deiche) und Warften (Terpen) anlegen.
In den OLH wird Buda (Buddha) erwähnt, der auch Krisen (Krishna) oder Jes-us genannt worden sei. Dazu wurde den Seminar-Teilnehmern aus mehreren Quellen berichtet, die sich mit einigen fast wortgetreuen Übereinstimmungen von indischen Texten mit solchen aus dem Neuen Testament der Bibel befassen. Das vom Lühe-Verlag geplante Buch „Christus- ein Inder?" von Th. J. Plange wurde zu diesem Thema vorgestellt.
Ein Thema, das die besondere Anteilnahme aller hervorrief, waren die Schilderungen von zwei verschiedenen Naturkatastrophen in den OLH, und zwar im Jahre 2193 v. d. Ztr. („nach der Christen Zeitrechnung"), als das Aldland = Atland unterging, und im Jahre 303 v. d. Ztr., als das Meer weite Teile des Fryaslandes überflutete, so daß sich die überlebenden Fryas fortan gezwungen sahen, auf Terpen (Warften) zu siedeln und ihr Land einzudeichen.
Eingehend wurde die Frage erörtert, warum in den OLH das Atlantis in der Nähe von Helgoland von den seefahrenden Fryas nicht erwähnt wurde. Diese Frage würde sich lösen, wenn man die Datierung, die in den Handschriften angegeben ist, (die evtl. aber auch von späteren Abschreibern eingefügt worden sein könnte,) nicht übernimmt. Der Niederländer Frans J. Los hat in seinem Buch „Die Ura Linda Handschriften als Geschichtsquelle" eine um 1000 Jahre jüngere Datierung für die berichteten Ereignisse vorgeschlagen. Diese Datierung wurde von einem Seminar-Teilnehmer vorgestellt.
Auch mit einem zweiten Versuch der Datierung nach Albert Herrmann „Unsere Ahnen und Atlantis" wurde das Seminar bekannt gemacht. Dieser stützt sich auf die Angabe in den Handschriften, daß Buda gleich Jesus zu setzen sei. Da aber nach unserer heutigen Kenntnis etwa 500 Jahre zwischen diesen beiden Persönlichkeiten gelegen haben, schlägt Herrmann vor, alle Daten nach -500 um eben diese 500 Jahre jünger anzusetzen.
Ein weiterer Teilnehmer berichtete über das Eindringen fremder Völker in die Länder der Fryas, das in den Texten überliefert wird. Von Osten her drangen die Findas genannten Völker unter der Herrschaft ihres Magys in das Skenland (Schonen/Skandinavien) ein. Von diesem nördlichen Land aus drangen sie im Laufe von Jahrhunderten weiter nach Süden bis zur Weser vor. Auch von Süden her drangen die fremden Golen (Galen) als Beherrscher der Kelten gegen die Fryas-Länder bis an die Scheide vor. In dem Raume zwischen diesen beiden Strömen spielen sich die letzten überlieferten Ereignisse der Fryas-Geschichte ab.
Passend zu diesem Thema wurde das Buch „Horra" von Uwe Topper herangezogen, das sich mit dem Eindringen der fremden Streitaxt-Kultur nach Europa beschäftigt, das etwa um die Zeit -2200 stattgefunden haben muß. Diese Streitaxt-Leute sollen nach Topper die ersten Kenntnisse der Kupferschmelze und der Kupferbearbeitung mit nach Europa gebracht und damit die „Bronzezeit" in Gang gesetzt haben.
Die Widersprüche und Angriffe, die die Texte der OLH auch in Deutschland hervorriefen, als Prof. Herman Wirth sie in deutscher Sprache veröffentlichte, spiegeln die widersprüchlichen Haltungen zur westeuropäischen Vorgeschichte in Kreisen der Fachwissenschaft nicht nur in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts, sondern auch noch der heutigen Zeit wider.
Im Verlaufe des Seminars kam es zu lebhaftem Meinungsaustausch. Streitgespräche über einzelne Textstellen und friedliche Übereinstimmung in anderen Punkten wechselten miteinander ab. Die zeitweise anstrengende Konzentration auf ein Thema wurde wohl gleichzeitig auch von den meisten Teilnehmern als eine Bereicherung empfunden. So breitete sich zunehmend eine gelöste, heitere Stimmung aus, die diesen Urlaub vom Alltag beherrschte.
Letztlich konnte auch dieses Seminar nicht die vielleicht im Laufe der verschiedenen Abschreibungen der Texte hinzugefügten Teile genau erkennen und herausstellen. Das war auch nicht das Ziel dieses Seminars gewesen und also nicht erwartet worden. Jedoch haben die Teilnehmer eine recht genaue Kenntnis der Texte erworben und können diese nun ruhen lassen, um in Zukunft besonders die archäologischen Funde im Westen Europas genau beobachten und mit den Berichten der OLH vergleichen zu können. |