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Großskulpturen der Steinzeit

Entdeckungen einer Marburger Forscherin

Wer hat nicht schon einmal vor einem Felsen im Gebirge gestanden und gemeint, in den Buckeln und Spalten des Gesteins irgendwelche Tier- oder Menschengestalten zu sehen? Offensichtlich ging es den Menschen schon seit vielen Jahrtausenden ebenso, meint eine Marburger Forscherin.

 Frau Dr. Elisabeth Neumann-Gundrum hat in ihrem Leben viele solche Figuren auf Spuren von zusätzlicher Bearbeitung durch Menschen untersucht.

E. Neumann-Gundrum (1981)
Europas Kultur der Großskulpturen
Urbilder / Urwissen einer europäischen Geistesstruktur. Wilh. Schmitz, Gießen.
ISBN 3-87711-039-8, 2. Auflage 1991

Dabei konnte sie in Zusammenwirken mit Fachleuten für historische Steinbearbeitungen feststellen, dass es tatsächlich an vielen markanten Felsen Europas solche Bearbeitungsspuren gibt, die ein hohes Alter, mindestens Jungsteinzeit vermuten lassen. Die Nachbildung eines europäischen Großschafes lässt z.B. auf ein Alter von über 8.000 Jahren schließen, da diese Schafrasse nach diesem Zeitpunkt als ausgestorben gilt.

Die Entdeckung derart gestalteter Großskulpturen im Fels, manche sind 10 bis 12 Meter hoch, brachte allein schon eine Überraschung, viel mehr noch die häufig bei Köpfen oder Gesichtern von Menschen wiederkehrende Darstellung jeweils eines geschlossenen und eines offenen Auges. Häufig lösten sich außerdem scheinbar weitere kleine Köpfe oder Gestalten aus dem Nasen- und Mundbereich einer Figur.

Wenn man berücksichtigt, dass unsere frühen Vorfahren sich noch zur Steinzeit sehr zurückhielten, Menschengestalten nachzubilden, werden diese Skulpturen für die Menschen damaliger Zeit wohl meist religiöse, symbolhafte Bedeutungen gehabt haben. Frau Dr. Neumann-Gundrum interpretierte diese Darstellungen in ihrem Buch als Ursinnbilder zum Beispiel mit „Zwiesicht“ (Blick nach innen und nach außen) sowie mit „Atemgeburt“ (Leben bzw. Geist einhauchen als Beginn oder Geburt eines Lebens – siehe auch bei Wiederbelebungen - oder im Gegensatz dazu das Leben aushauchen).

Namhafte Wissenschaftler im In- und Ausland haben inzwischen die Entdeckungen und Nachweise von Dr. Neumann-Gundrum bestätigt. Universitätsprofessor und wirkl. Hofrat Dr. Ernst Burgstaller, Linz/Oberösterreich, spricht zum Beispiel von einer erdrückenden Vielzahl von photographischen Dokumenten, die einen Zweifel kaum mehr zulassen. Dem Anschein nach handele es sich um eine bisher unbekannte Schaffensperiode der frühen Menschheit von sehr bedeutender Gestaltungskraft und geistesgeschichtlicher Aussage.

 

Elisabeth Neumann-Gundrum

Elisabeth Neumann-Gundrum wurde am 16.3.1910 in Gelsenkirchen-Buer geboren. Ihr Vater Julius Neumann war Knappschaftsarzt. Ihre Mutter, Meline Euker entstammte einer alteingesessenen, angesehenen Familie in Marburg. Elisabeth besuchte zuerst die Schule in Gelsenkirchen-Buer, danach ein Jahr Frauenschule bei Potsdam, um drei weitere Schuljahre in Gladbeck 1930 mit dem Abitur abzuschließen, damals bereits mit großem Interesse für das Fach Geschichte. Es folgten Universitätsjahre in Basel, Marburg, Leipzig und Münster, wo sie Geschichte, Germanistik und Philosophie studierte und sie mit einer Dissertation über Rainer Maria Rilke „cum laude“ erfolgreich beendete.

Während ihrer Tätigkeit als Lehrerin in Kassel und Kirchhain besuchte sie 1952 noch Vorlesungen über Religionswissenschaften bei Professor Heiler in Marburg, wo sie seit 1945 ständig wohnt. Einige Semester war sie Dozentin an einer deutschen Hochschule für bildende Kunst.

Ab 1970 widmete sich Dr. Elisabeth Neumann, die sich inzwischen den Geburtsnamen ihrer Großmutter Gundrum als Zweitnamen zugelegt hatte, ganz ihren neuen wissenschaftlichen Forschungen. Sie arbeitete in ihrem Haus in Marburg. Alle Räume ihrer Wohnung hängen voller Fotos von den Großskulpturen in Felsformationen ganz Europas, die sie persönlich besucht und untersucht hat. Obwohl sie seit einiger Zeit das Bett hüten muss, erläutert sie gelegentlichen Besuchern gerne und ausführlich alle Fotos um sich herum, die Felsbilder von Norwegen bis Spanien zeigen.

Im Herbst 1988 wurden ihre Bilder mit dazugehörigen  Skizzen zur Erläuterung auf einer mehrwöchigen Ausstellung im Landesmuseum in Detmold der Öffentlichkeit gezeigt. Einige Jahre später veranstaltete das Österreichische Felsbildermuseum in Spital am Pyhrn eine Ausstellung mit ihren Großfotos. Im Rahmen der öffentlichen Stiftung „Bruchhauser Steine“ des Landes Nordrhein-Westfalen und der Familie des Freiherrn von Fürstenberg-Gaugrebe wurden im Ausstellungsgebäude und auf Informationstafeln im Freien mit Großfotos der Elisabeth Neumann-Gundrum auf die interessanten Großskulpturen am nahen Istenberg bei Olsberg/Sauerland aufmerksam gemacht.

Das oben genannte Buch mit vielen Fotos und den dazugehörigen Zeichnungen sowie weitere Veröffentlichungen der Autorin sind über Frau Sunnihilt Wellmer, Westensee, zu erwerben. Zu der folgenden Auswahl aus diesen Bildern, teilweise mit den erläuternden Zeichnungen dazu, seien zugleich die Urteile von einigen Sachverständigen zitiert.

Prof. Dr. Ernst Burgstaller, Linz/Donau, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Felsbildforschung hat diese Großskulptur an den Externsteinen als das edelste Kunstwerk des Abendlandes bezeichnet.

Abb. 1, Der Rufer (aus E. Neumann-Gundrum, Abb. 61, S. 191)

Abb. 2, Echse (aus E. Neumann-Gundrum, Abb. 63, 196f.)

Der Schweizer Zoologe Professor Dr. Adolf Portmann, Basel, hat die hier dargestellte Echse (Abb. 2) als eine noch heute im Teutoburger Wald lebende Smaragdeidechse definiert.

Abb. 3, Widderkopf (aus E. Neumann-Gundrum, Abb. 90, 68ff.)
Der Ordinarius für zoologische Morphologie, Professor Dr. K.A. Seitz, Marburg, erkennt in dem Widderkopf auf den Externsteinen (Abb. 3) eindeutig das – in der Forschung wohl bekannte – europäische Riesenschaf vom Typ Ovis argali, das aber seit ca. 8.000 Jahren ausgestorben ist. Das gleiche bestätigt Professor Dr. Müller-Beck aus Tübingen. Damit ergibt sich eine Möglichkeit, das Bearbeitungsalter zu datieren.

Die folgenden Bilder (Abb. 4 – 6) zeigen nicht nur die in der Skizze verdeutlichte „Atemgeburt“ sowie das geschlossene und das offene Auge, die eine „Zwiesicht“ darstellen. Außerdem ist beim ersten Bildpaar oben noch ein „drittes“ Auge zu erkennen, von dem es heißt, daß noch in Weißrußland zur Zeit des ersten Weltkrieges ein Deutscher zum Abnehmen seines Hutes aufgefordert wurde, damit man einmal sein „drittes Auge“ sehen könne, das ihn bekanntermaßen zu Höherem befähige.

Abb. 4. (aus E. Neumann-Gundrum, Abb. 77, 238ff.)

Abb. 5. (aus E. Neumann-Gundrum, Abb. 113, S. 323)

In dem von E. Neumann-Gundrum gewählten Begriff ‚Zwiesicht‘, zu dem sie sich u.a. auf S. 472 ihres Buches äußert, kommt eine Anschauung zum Ausdruck, die noch in Sagen um Odin nachweisbar sind. Odin nämlich >bezieht sein Wissen auch von Mímirs Haupt oder durch das Trinken aus Mímirs Quelle, wofür er laut Snorri sein Auge als Pfand geben mußte.< (R. Simek (1984) Lexikon germanischer Mythologie. Kröner, Stuttgart. ISBN 3-520-36801-3, S. 294.) Setzt man ‚Mímir‘ zu engl. memory „Gedächtnis“ in Beziehung, so ist die Metaphorik sehr durchsichtig, weil doch ohne Erinnerung ein dauerhafter Wissenserwerb unmöglich ist. Das ‚Haupt Mímirs‘ als ‚Wissensquelle‘ läßt sich mühelos mit der Geburt von ‚Athene‘ aus dem Haupte des ‚Zeus‘ (lt. W. Zarnack „Hel, Jus und Apoll...“, S. 96 ISBN 3-00-003243-6 (1997), verwandt mit lat. jus „Gesetzessammlung: Recht“) verbinden; denn ‚Athene‘ ist das >Symbol der mit Kraft vereinten Klugheit, die Schutzgöttin der Städte im Frieden und Vorsteherin der Künste, Schirmherrin der Städte im Krieg gegen äußere Feinde< (Benseler, Griech.-dt. Wörterbuch, 1911, S. 16, zit. nach W. Zarnack, Geburt der Zeit in Europa, in Ur-Europa-Jahrbuch 2001, S. 2-30).

Abb. 6, Burg Birseck/Eremitage (aus E. Neumann-Gundrum Abb. 159, S. 412f.)

Das hohe Alter, die lange Dauer und schließlich weltweite Verbreitung der spezifischen Anschauung, für den Wissenserwerb durch Innenschau ein Auge opfern zu müssen, hat E. Neumann-Gundrum eindrucksvoll noch weiter dokumentieren können, s. Abb. 6 und 7.

Abb. 7, Zwiesicht (aus E. Neumann-Gundrum, S. 428f. Abb. 169 (links) und 170 (rechts): „Wiedergaben aus Guttorm Gjessing: "Guden med det ene øye, Viking, Tidschrift for norrøn arkeologie, Bind XII, S. 31 - 55, Oslo 1948. Datiert auf 100 v. bis 100 n. Chr. “)

Neumann-Gundrum zitiert aus der skandinavischen Quelle „Götter mit einem Auge. Viking, Zeitschrift für nordische Archäologie, Bd. XII, S. 31-55, Oslo 1948. Datiert auf 100 v. bis 100 n. Chr.“ Die dort von Neumann-Gundrum entnommenen Darstellungen stammen aus aller Welt und sprechen eine deutliche Sprache bezüglich der nordischen Seefahrt.

Abb. 8, Bruchhauser Steine (aus E. Neumann-Gundrum, Abb42, S. 126f.)

Die Darstellung einer „Begegnung“ des Homo sapiens mit einem Neandertaler am Istenberg der „Bruchhauser Steinen“ (Abb. 8) ist trotz der Spuren inzwischen eingetretener Verwitterung deutlich erkennbar. Professor Dr. Hans Mislin aus der Schweiz war beim Anblick dieser Köpfe geradezu überwältigt.

Zu der Frage nach Spuren früher handwerklicher Bearbeitung an den Großskulpturen erklärte u.a. der akademische Bildhauermeister Reinhard Paffrath aus Diemelsee-Flechtdorf in einem Gutachten vom Sommer 1978 zunächst, daß er nach Ausbildung, Studium und Berufserfahrung berechtigt sei, Stellung zu nehmen: fehlte es den frühen Menschen an Werkzeug, so waren sie doch reich an Zeit und Fantasie.

Abb. 9, Kalmbergkopf in Kärnten (aus E. Neumann-Gundrum, Abb. 151, S. 396f. Der „Kalmbergkopf“ wird noch stets alle Jahre wieder von der dortigen Dorfbevölkerung geputzt.)

Mit oft nur geringfügiger Nacharbeit schufen sie die uns heute beeindruckenden Großskulpturen. Ihre Werkzeuge aus Feuerstein (Flint / Silex) setzten sie zum Abkeilen und Abschlagen von Felsteilen an. Dabei nutzten sie die an den Quarzadern  - den offenen, trockenen oder nassen Stichen, Adern und Rissen -  gegebenen Sollbruchstellen an. Auch die Spreng- und Treibkraft von trockenen Buchenholzkeilen, die - mit Wasser zum Quellen gebracht – Felsen sprengen können, war schon damals ein technisch angewandtes Mittel; ebenfalls die Sprengkraft von gefrorenem Wasser. So seien handwerkliche Arbeiten aus vorchristlicher Zeit, die sich deutlich von  späteren Bearbeitungsspuren unterscheiden, z.B. an den Großskulpturen des Istenberges und der Externsteinen festzustellen.

Dipl. Ing. Paul A. Rohkst